SPONSOREN

Interview

„Ich habe nicht nur gute Zeiten mitgemacht“

Hanka Kupfernagel gehört zu den erfolgreichsten Radfahrerinnen aller Zeiten. Aber sie hat in ihrer Karriere nicht nur Höhen erlebt. Ein Gespräch über den Spaß am Gelände, das Ausgebranntsein und das Damoklesschwert des Radsports.

Hanka, was treibt einen Menschen dazu, sich bei einer Affenkälte sowie Regen aufs Rad zu setzen und durch den Schlamm zu jagen?
Spaß.
 
Spaß?
Ja. Wenn du merkst, wie du mit dem Gelände zurechtkommst, ist das ein tolles Gefühl. Dafür brauchst du viele Dinge: Supermaterial, eine gute Form und die richtige Technik. Wenn eine dieser Komponenten fehlt, wird es ganz schwierig.
 
Aber das Wetter...
... haben bisher alle überlebt. Wir sind ja in Bewegung – und außerdem ist ein Crossrennen nach 40 Minuten vorbei.
 
Straßenrennen dauern länger.
(Grinst.) Da kann ich nicht widersprechen.
 
Auch dort bist Du sehr erfolgreich, vor allem im Zeitfahren. Was ist der Unterschied zwischen Cross und Straße?
Hast Du etwas Zeit mitgebracht?
 
Ein bisschen schon.
Der größte Unterschied ist, dass es beim Cross vor allem auf meine eigene Leistung ankommt.
 
Auf der Straße nicht?
Im Zeitfahren schon. Im normalen Rennen bist du enorm von der Mannschaft abhängig. Ohne ein gutes Team wirst du nicht viel gewinnen.
 
Man wird Dich also nicht mehr oft bei Straßenrennen erleben?
Mal sehen. Ich hätte schon Lust, mit der Nationalmannschaft und den jungen Fahrerinnen dort, die eine oder andere Rundfahrt zu bestreiten. Und die Thüringen-Rundfahrt in meiner Heimat mit guter Form zu fahren, wäre auch ein großes Ziel.
 
Warum konzentrierst Du Dich nicht auf eine Disziplin - Straße oder Cross?
Weil ich gerade diesen Wechsel als sehr spannend und reizvoll empfinde. Das schützt vor Eintönigkeit.
 
Verursacht es nicht auch Stress?
Es gab Zeiten, da war es sehr hart – weil ich einfach das ganze Jahr auf Achse gewesen bin, es nur den Radsport und kein Privatleben mehr gab. Heute mache ich nach der Straßen- und Cross Saison eine Pause – aber früher konnte ich das nicht.
 
Warum?
Weil ich gedacht habe: Wenn ich mit dem Training aussetze, verliere ich zu viel Form. Das ist mir einmal passiert, so etwa 1992: Ich war erfolgreich, gerade 18, hatte meinen Führerschein und dachte, neun Wochen Nichtstun seien eine gute Sache. Als ich wieder mit dem Training anfing, hatte ich zehn Kilo Übergewicht und null Kondition. Darauf folgte ein sehr frustrierendes und hartes Jahr. Dieses Erlebnis hat sich als schlechte Erinnerung an Urlaub in meinem Kopf festgesetzt.
 
Also hast Du danach immer durchtrainiert. Mit welchen Folgen?
Mit verheerenden. Irgendwann konnte ich einfach kein Rad mehr sehen, geschweige denn fahren. Am Anfang dachte ich, ich müsse mich nur dazu zwingen, den inneren Schweinehund überwinden.
 
Aber?
2005 war Sense. Nichts ging mehr, Körper und Geist streikten. Ich wollte nur noch schlafen und konnte mich zu rein gar nichts motivieren. Man diagnostizierte ein Burn-Out-Syndrom. Du siehst: Ich habe nicht nur gute Zeiten mitgemacht.
 
Wie hast Du damals wieder die Kurve bekommen?
Vor allem durch Mike, meinen Lebensgefährten. Er hat es geschafft mir wieder Spaß am Leben zu vermitteln und die Blockade zu lösen. Ich war damals nur noch verkrampft. Radsport war kein Freund mehr – er war ein Feind. Das hat sich zum Glück wieder geändert.
 
Durch welche Methode?
Wir sind in den Robinson Club nach Fuerteventura in den Urlaub. Wohlgemerkt mein erster Urlaub seit ich 14 Jahre alt war, in dem ich kein Rad dabei hatte. Irgendwann haben wir ein bisschen Beachvolleyball gespielt. Einfach so, zum Spaß. Mike blieb hartnackig und brachte mir geduldig Baggern und Pritschen bei. Aus anfänglicher Abwehr und Unlust wurde eine echte Leidenschaft. So habe ich langsam wieder entdeckt, wie schön Sport sein kann. Dafür bin ich Ihm heute noch dankbar, denn es ist eine echte Bereicherung für mein Leben.
 
Und nun prägst Du eine Sportart, die im Kommen ist. Glaubst Du, es könnte einen Cross-Boom geben?
Was heißt, könnte geben? Er ist schon längst da. In Belgien und den Niederlanden ist bei den Rennen der Teufel los. Schließlich bekommt der Zuschauer einiges geboten. Action zum Anfassen und Spannung bis zur letzten Sekunde.
 
In Deutschland ist Cross noch nicht ganz so populär.
Im Winter gibt es eben noch sehr viele andere Sportarten, in denen Deutsche erfolgreich sind. Aber wir sind auf einem guten Weg.
 
Immerhin gibt es mittlerweile auch Preisgelder im Gesamt-Weltcup.
Das war ein harter Kampf. Nach mehr als drei Jahren Diskussion und Forderungen an die UCI, gibt es nun endlich ein Gesamtpreisgeld für die Frauen. Bei den Männern war das schon länger der Fall und die Summen sind auch noch längst nicht im rechten Verhältnis. Aber ich will mich nicht beschweren. Wenn man sieht, dass es bis 2000 keine Frauen-WM gab, hat sich schon einiges bewegt. An der ganzen Diskussion stört mich nur ein Punkt.
 
Welcher?
Bei anderen Themen als dem Preisgeld werden wir schnell mit den Männern in den gleichen Topf geworfen.
 
Zum Beispiel?
Zum Beispiel bei der Dopingproblematik. Das ist doch Wahnsinn. Schau Dir mal an, um welche Summen es da angeblich geht. Da müsste ich das komplette Preisgeld eines ganzen Jahres investieren und würde meine Gesundheit aufs Spiel setzen. Ich habe schon viel erlebt und eigentlich genug schöne Erfolge im Radsport gehabt. Alles was jetzt noch kommt, ist die Sahne obendrauf. (lacht)
 
Trotzdem bist Du erfolgreich.
Das ist doch eigentlich das beste Argument. Warum sollte ich zu unerlaubten Mitteln greifen, ich habe von meinen Eltern jede Menge Talent und gesundem Ehrgeiz bekommen und konnte schon als Juniorin in der Weltspitze mithalten.
 
Der Frauenradsport ist also sauber?
Ich denke zumindest, dass dieses Problem bei uns lange nicht die Dimensionen hat, wie bei den Männern. Aber ich lege für niemanden die Hand ins Feuer - außer für mich selbst.