
Die Zeit zwischen Hymne und Autogrammen
12. JANUAR 2009
Erschienen in: Fränkischer Tag (12.01.09)
Hanka Kupfernagel ist in Strullendorf ein Star zum Anfassen, der nicht nur seine Pflicht erfüllt.
Strullendorf — Hanka Kupfernagel genießt die 40 Rennminuten am Samstagnachmittag
an der Hauptsmoorhalle. Strahlender Sonnenschein, weiße Winterlandschaft und geübte Samba-Trommler sorgen bei Eiseskälte für Stimmung. Sich eines komfortablen Vorsprungs schon nach einer Runde gewiss, blickt Hanka Kupfernagel den Radsportfans auf dem flachen Straßenstück des Mühlbergs durch ihre Sportbrille direkt in die Augen, lächelt, freut sich über jeden Anfeuerungsruf, über jede geschwenkte Fahne – ohne in ihrer Anstrengung nachzulassen. Sie ist eine gleichermaßen vielseitige wie erfolgreiche Fahrerin, die bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 auf der Straße die Silbermedaille, in verschiedenen Disziplinen fünf Titel bei Welt- und drei bei Europameisterschaften errungen hat – nicht zu vergessen fast 30 nationaleTitel. Die Jagd nach der deutschen Meisterschaft im Radcross auf der knallharten Strullendorfer Strecke ein Stück professioneller Pflichterfüllung
Für Hanka Kupfernagel? Mitnichten. „Jedes Rennen hat seine eigene Geschichte“, erklärt die bald 35-jährige Thüringerin, die am Sonntag, 1. Februar, im niederländischen Hoogerheide vor begeisterten Fans ihren Cross-WM-Titel von Treviso 2008 verteidigen möchte. Auch wenn es das x-te Rennen ist, das sie in ihrer bislang 24-jährigen Radsport-Karriere bestreitet, Anspannung vor dem Start sei immer dabei. Und nach dem souveränen DM-Sieg von Strullendorf vor Sabrina Schweizer (Wangen) und Claudi Seidel vom RSV Neustadt (Orla), bei dem auch die deutsche Ausnahme-Fahrerin groß geworden ist? „So leicht war die Strecke gar nicht, da gab es einige eisige Stellen. Ein internationales Rennen hier und heute wäre keine so
einfache Sache geworden.“ Sie muss sich nichts mehr beweisen, jeder weitere Erfolg dürfte eine schöne Zugabe sein. Dankbar und bescheiden wirkt sie vor den Toren Bambergs, nicht ausgebrannt wie vor ein paar Jahren. Hanka Kupfernagel genießt ihre ganze Zeit in Strullendorf, es ist nicht ihr erstes Rennen, das sie an den Pferden vorbei auf den Stöcklein-Wiesen führt. „Man kennt sich aus“, erklärt sie. Der Ablauf der Rennen – unabhängig vom Ort – ist Hanka „nazionale“ nicht fremd. Sie ist dankbar für die Unterstützung durch die Fans: „Die Nähe ist ja gerade das Schöne bei Cross-Rennen, das gibt es auf der Straße allenfalls am Berg.“ Sie freut sich am Mikrofon bei der Siegerehrung über die Begeisterung in Strullendorf, über die erstklassige Organisation durch den RMV Concordia, strahlt – mit einem goldenen Siegerkranz um den Hals – bei der Nationalhymne mit der tief stehenden Wintersonne um die Wette. Dann ist sie für eine halbe Stunde verschwunden. Seit der Zieldurchfahrt an ihrer Seite, bei der Siegerehrung vornehm im Hintergrund: das Lisberger Nachwuchstalent Florenz Knauer als Chaperon, als Anti-Doping-Helfer, der die 34-Jährige bei der Kontrolle in der Hauptsmoorhalle abliefert. Nach 25 Minuten erscheint Hanka Kupfernagel wieder, eine Ärztin war im WC dabei. Notwendiges Übel oder nervende Prozedur? „Die Kontrollen müssen sein“, erklärt Hanka Kupfernagel entschieden, „was einem aber ganz schön zusetzt, ist, dass man Tag und Nacht per E-Mail verfügbar sein muss. Da wird vorausgesetzt, man sei Internet-Profi, und zudem, man habe Geld, weil man ja 24 Stunden am Tag online sein muss. Das kostet. Das jüngste nervende Beispiel: Am 22. Dezember kam die Mail, ich solle bis zum 25. aufzählen, wo ich mich im ersten Quartal 2009 Tag für Tag aufhalte. Weiß ich da schon, was ich im März mache?“ Hanka Kupfernagels Wohnmobil, versehen mit plakativen Ansichten der internationalen Spitzensportlerin, sticht heraus auf dem Parkplatz der Hauptsmoorhalle. Die Fans warten auf Autogramme, als sie von der Dopingkontrolle zurückkommt. Die Stimmung ist gelöst, als sie auf der Rolle endlich zum Ausfahren kommt – Lebensgefährte und Trainer Mike Kluge an ihrer Seite. Von Berührungsängsten keine Spur, es wird geplaudert. Dann wird zusammengepackt. Nach einer Nacht im Hotel macht sich der Kupfernagel-Tross mit dem Wohnmobil und einem Begleitfahrzeug auf, weitere zig Kilometer zu schlucken auf der teils monatelangen Erfolgsreise. Führt sie wieder nach Strullendorf? Nicht ausgeschlossen.
