
"Das ist bösartig"
28. FEBRUAR 2009
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung (28.02.09)
München - Dieter Berkmann ist etwas unglücklich mit der Situation, es bleiben ihm ja nur noch drei Wochen. Am 21. März wird er sich bei der Versammlung des Bundes Deutscher Radfahrer Amtsinhaber Rudolf Scharping bei der Präsidentenwahl als Gegenkandidat in den Weg stellen. Zuvor gilt es, Wahlkampf zu betreiben, mit den Landesfürsten macht der frühere Olympia-Teilnehmer und Bahn-Bundestrainer derzeit Termine aus. Doch trotz aller Zeitnot sind Berkmanns Aussichten sicherlich intakt, denn die aktuelle BDR-Spitze um Scharping betreibt zurzeit ebenfalls Wahlkampf - wenn auch eher unfreiwillig. Berkmann, Orthopäde aus Miesbach, sagt: "Es ist eigentlich traurig, denn uns geht es ja genau um diese Sachen: um unsere Leidenschaft, um den Radsport."
Dass Scharping und sein Spannmann, der umstrittene Sportdirektor Burckhard Bremer, Leidenschaft bisweilen geringschätzen, ist bekannt. Der jüngste Beleg für diese These dürfte sich nun zur x-ten Affäre ausweiten: Hanka Kupfernagel, die erfolgreichste deutsche Radsportlerin, ist aus dem offiziellen Straßenkader des BDR gestrichen worden. "Nach 15 Jahren im Nationalkader und insgesamt 17 WM-Medaillen", sagte sie am Freitag ungläubig über einen Vorgang, von dem sie hofft, er stelle sich als Missverständnis heraus. Aber danach sieht es nicht aus. Der BDR hat wohl eher eine bekanntermaßen unbequeme Spitzensportlerin aussortiert. Kupfernagels Partner und Trainer, der frühere Cross-Weltmeister Mike Kluge, vermochte es bisher nicht, vom BDR eine offizielle Klärung zu erhalten; auch schriftlich sei keine Mitteilung gekommen. "Die sind wie vom Erdball verschwunden."
Immerhin äußerte sich Thomas Liese, der neue Frauenbundestrainer, offen zu dem Fall. Er bestätigte, dass er zu seinem Dienstantritt im Januar eine Kaderliste erhalten habe - Kupfernagel fehlte dort. "Ich habe mich auch gewundert und beim Sportdirektor Bremer nachgefragt", sagte er der SZ. Als Antwort habe er vernommen: ",Du kannst sie einsetzen" - doch warum sie nicht auch offiziell im Kader ist, darauf habe ich bis heute von Bremer keine Antwort erhalten."
Dass sie im Kader fehlt, hat für Hanka Kupfernagel Folgen: Sie wird seit Januar nicht mehr von der Sporthilfe gefördert, womit ihr rund 4000 Euro im Jahr fehlen. "Das Geld brauche ich doch, um meine Reisekosten auszugleichen", sagt sie. Ihr die Förderung bewusst zu streichen, "das ist bösartig", findet Trainer Kluge. Kupfernagel gilt als streitbar, auch bei Olympia in Peking haderte sie nach dem Straßenrennen mit der Teamtaktik. Doch nicht mal als Straßen-Zeitfahrweltmeisterin von 2007, Olympia-Zweite von 2000 und aktuelle Cross-Weltcupsiegerin darf sie sich eine eigene Meinung leisten? Bundestrainer Liese sagt: "Ich werde sie natürlich einsetzen, sie ist ein wichtiges Bindeglied zu den Jüngeren - und sie bringt ihre Leistung. Ich brauch sie."
Kupfernagels Geschichte liegt im Trend, weshalb immer mehr namhafte Personen aus dem deutschen Radsport aufbegehren gegen Scharping und Bremer - dessen Vertrag das Präsidium noch vor Peking handstreichartig verlängerte. Auch das Fachblatt Tour erwähnt nun in der aktuellen Ausgabe den "fragwürdigen Umgang (Bremers; d. Red.) mit den Doping-Verdachtsfällen Patrik Sinkewitz (2000) und Christian Lademann (2004)" und erinnert daran, dass Scharping die auffälligen Blutwerte von Stefan Schumacher (inzwischen gesperrt wegen Epo-Dopings) vor dem WM-Rennen 2007 zunächst zurückgehalten habe.
Über derlei Defensivverhalten wundert sich schon länger auch Mountainbike-Olympiasiegerin Sabine Spitz. Sie hatte im Mai 2008 einen offenen Brief verfasst und Scharping vorab informiert. "Schon zehn Minuten später rief er an, wir würden doch wieder nur auf dem BDR herumtrampeln", erzählt Spitz. Scharping habe außerdem um Streichung jener Passage gebeten, in der Spitz im Namen der "Athleten eine konsequente Antidoping-Politik" forderte. Scharping empfahl den Dialog. Sabine Spitz sagt: "Wir strichen das damals, aber das war ein Fehler - Scharping hat sich bis heute nicht mehr bei uns gemeldet."
Hanka Kupfernagel sagt, was so geredet werde unter den Sportlern, "das zeigt mir: Jeder wäre froh und erleichtert, wenn"s im BDR eine umfassende Änderung gäbe". Vertrauen fehle in jeder Hinsicht, "doch die Athleten haben leider Angst, was zu sagen".
Foto: Roth
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